Zurück im Ring, zurück im Leben: Augsburgs Kickboxerin Tina Schüßler
Geboren am 21. Juni 1974 in Stadtbergen, 1,60 m groß, Mutter eines Sohnes, Bürokauffrau. Klingt wie das typische Profil einer 38-Jährigen. Tina Schüßler kann ihrem Lebenslauf aber noch mehr hinzufügen: 1998: Weltmeisterin im Kickboxen, 1998 – 2001: Deutsche Nationalmannschaft der World Kickboxing Association, 2002: Europameisterin im Kickboxen. Nach einer langen krankheitsbedingten Auszeit fühlt sie sich nun "stärker als jemals zuvor" und will noch einmal probieren wie weit sie es im Boxen schaffen kann.

Tina Schüßler will allen zeigen, dass es ihr wieder gut geht. Und, dass ihr das Boxen Spaß macht, kann man sehen. Bild: Stadt Augsburg, 2012.
augsburg.de: Tina, Sie haben im Alter von 18 Jahren mit dem Kickboxen begonnen: Wie kam es dazu?
Tina Schüßler: Eigentlich wollte ich schon als Kind Kampfsportarten machen, aber meine Eltern waren dagegen. Sie meinten, dass ich sowieso schon "so eine Wilde" bin. Als ich 18 war habe ich dann zuerst drei Monate Taekwondo ausprobiert. Aber ehrlich gesagt hat mir dabei der Kontakt zur Person gefehlt. Mein Trainer meinte dann, dass ich doch mal Kickboxen ausprobieren solle. Das sei wie Boxen – nur zusätzlich auch mit den Füßen.
Und was haben Ihre Eltern dazu gesagt, als Sie dann mit dem Kickboxen angefangen haben?
Sie hatten zum Taekwondo auch schon nix gesagt. Aber bei meinem ersten Wettkampf hat sich meine Mama schon Sorgen gemacht. Mein Vater war von Anfang an begeistert und immer mitten drin.
War es schwer sich als junge Frau in dieser Sportart zu behaupten?
Eigentlich war es gar nicht schwer, obwohl ich sogar die einzige Kickboxerin in Augsburg war und deshalb von Anfang an im Mittelpunkt stand. Ich bin mit Männern schon immer gut zurechtgekommen, habe das nötige Selbstbewusstsein und noch nie negative Erfahrungen gemacht.
Sie hat ihrer Heimat nie den Rücken gekehrt – auch als der bekannte Hamburger Boxstall Universum sie unter Vertrag nahm: die Augsburgerin Tina Schüßler – Europa- und Weltmeisterin im Kickboxen. Bild: Stadt Augsburg, 2012.
Ab wann war klar, dass die Augsburgerin Tina Schüßler das Zeug zur Kickbox-Weltmeisterin hat?
Erst als ich nach einem ganzen Tag Training zur WM-Qualifikation vom Präsidenten der World Kickboxing Association (WKA) ins Deutsche Nationalteam berufen wurde. Aber ich hatte von Anfang an Spaß am Kickboxen und war sehr ehrgeizig, denn ich will immer alles geben. Das war schon immer so. Hat mein älterer Bruder zum Beispiel einen Stein gehoben, habe ich es gleich mit zwei probiert. Auch bei den Bundesjugendspielen habe ich mich immer mit den Jungs gemessen. Ich wollte immer die Beste sein.
Von 1998 bis 2000 waren Sie Teil der Deutschen Nationalmannschaft: Wie wurde Ihre Karriere als Profisportlerin vorangetrieben? Von wem erhielten Sie Unterstützung?
Viel Training und viele Wettkämpfe. Man wird von den Veranstaltern großer Box- und Kickboxwettkämpfe angerufen und gefragt ob man teilnehmen möchte. Unterstützt wurde ich natürlich von meiner Familie und meinen Trainern – ab dieser Zeit hatte ich immer zwei.
Tina, Sie waren mehrfache Deutsche Meisterin, Europa- und Weltmeisterin im Kickboxen und beim berühmten Hamburger Boxclub Universum unter Vertrag: Haben Sie nie daran gedacht Augsburg den Rücken zu kehren, um näher am Geschehen zu sein?
Zugegeben: das stand Spitz auf Knopf. Nach einem Profiboxkampf 1999 in Augsburg hat der Boxclub Universum – bei dem auch die Klitschkos und Regina Halmich boxten – angefragt, ob ich für fünf Jahre nach Hamburg kommen möchte. Aber meine Sportschule in Diedorf war gerade fertig gebaut und mein Vater hat mich gebremst. Unter Vertag war ich dann trotzdem, trainiert habe ich aber – bis auf mehrwöchige Trainingsblöcke in Hamburg – immer in meiner Heimatstadt Augsburg.
Haben Sie Ihre damalige Entscheidung, für die Box-Karriere nicht extra nach Hamburg zu ziehen, jemals bereut?
Richtig bereut nicht, mich aber mich manchmal gefragt "was wäre gewesen, wenn". Aber ich war zu diesem Zeitpunkt mit meiner zweiten Sportschule gerade erst frisch selbstständig und hatte deshalb eine Verantwortung und Verpflichtungen meinen Schülern gegenüber.
Warum haben Sie Ihre Karriere als Kickboxerin von 2006 bis 2009 unterbrochen?
Das hatte private Gründe: meine Oma, die auf meinen Sohn aufgepasst hat, ist gestorben. Ich musste mich zwischen meinem Kind, meiner Sportschule und den Wettkämpfen entscheiden. Die Wahl fiel auf meinen Sohn und die Schule.
Nachdem Sie 2009 nach Wiederaufnahme Ihres Trainings einen Bauchwandriss erlitten, nach einer Notoperation nicht mehr aus der Narkose erwachten, nach zwei Wochen Bettruhe eine Lungenembolie und kurz darauf zuhause einen Schlaganfall erlitten, mussten Sie wieder lernen zu Sprechen und zu Laufen: Wie konnten Sie die nötige Motivation und den Ehrgeiz aufbringen?
Ich konnte nicht mehr richtig sprechen und mir haben einzelne Wörter gefehlt, die Zahlen waren ganz weg und meine linke Körperhälfte teilweise gelähmt, aber ich wollte, dass mein Sohn wieder eine starke und energiegeladene Mutter hat. Ich wollte wieder so sein wie vorher. Deshalb habe ich alles mitgemacht, was die Therapeuten und Ärzte mir geraten und an Training angeboten haben. Meine Ärzte haben gesagt, dass sie noch nie jemanden erlebt haben, der sich so schnell erholt hat und meine Therapeuten meinten, dass sie bisher niemand in der Reha hatten, der so viel trainiert hat.
Ich will mit meiner Geschichte auch andere Leute – vor allem Schlaganfallpatienten – motivieren und ihnen zeigen, dass man sein Ziel erreichen kann, wenn man den Willen hat. Ich habe zum Beispiel auch das Klavierspielen solange und intensiv geübt bis ich es wieder konnte wie zuvor. Man darf nie aufgeben. Vielleicht bin ich jetzt stärker als jemals zuvor.

Nach einer langen krankheitsbedingten Zwangspause will Tina Schüßler es noch einmal probieren und sehen wie weit sie kommt. Dafür trainiert sie täglich mit ihrem Boxtrainer Sedat Kececi. Bild: Stadt Augsburg, 2012.
Während einer gründlichen Untersuchung stellte man zudem fest, dass Sie von Geburt an – also auch all die Jahre als Profi-Kickboxerin – an einem Herzfehler litten. Mittlerweile wurde das zwei Zentimeter große Loch in Ihrer Herzscheidewand geschlossen. Wie macht sich das bemerkbar?
Dass mein Blut jetzt deutlich mehr Sauerstoff aufnimmt, merke ich daran, dass ich mich viel schneller erhole und während des Trainings nicht "schnaufe wie in Ochs'".
Als Profisportlerin muss man sich doch bestimmt regelmäßigen Untersuchungen unterziehen. Wie konnte Ihr angeborener Herzfehler so lange unentdeckt bleiben?
Ich hatte immer den Verdacht, dass ich wie meine Brüder unter Asthma leide. Das Asthmaspray, das ich von einem Arzt verschrieben bekommen habe, hat aber nie etwas genützt. Der Herzfehler wurde dann auch erst nach einer einwöchigen Untersuchung durch die Echo-Schluck-Methode entdeckt.
Tina, Ihr erster Wettkampf nach krankheitsbedingter Zwangspause fand am 16. Juni diesen Jahres beim "Battle of Augusta" in der Sporthalle Augsburg statt: War es eine bewusste Entscheidung, dass der erste Kampf in Ihrer Heimat Augsburg – wo mit 18 Jahren alles begann – stattfinden sollte?
Das war eigentlich eine relativ spontane Entscheidung und ich hatte nur fünf Wochen Zeit mich auf diesen Kampf vorzubereiten. Aber, ja klar, natürlich freut man sich als Sportler, wenn der Wettkampf in der Heimat stattfindet weil viele Freunde, Bekannte und Fans zuschauen. Dadurch ist der Wille zu siegen noch größer.
Sie haben beschlossen wieder in den Ring zu steigen: Wie kam es zu dieser Entscheidung und was ist ihr großes Ziel?
Weil ich mich im Ring wohl und körperlich richtig gut fühle. Wenn ich es mit 38 nicht mehr probiere – wann dann? Und ich glaube, dass ich es bereuen würde, wenn ich es nicht mehr versucht hätte. Außerdem will ich mir selbst, meiner Familie und allen da draußen, die mich kennen, zeigen, dass es mir wieder gut geht und ich mich fit fühle. Ich kann wieder Leistung bringen und will wissen, ob es wieder geht.
Jeder Sportler hat das Ziel das Höchste zu erreichen. Ich habe einen Plan im Kopf, bleibe aber realistisch und mache jetzt erst mal eins nach dem anderen, denn man muss schauen wie es kommt. Mehr wird nicht verraten.
Haben Sie sich ein zeitliches Limit gesetzt, bis wann dieses Ziel erreicht werden soll?
Eine Altersgrenze gibt es nicht: solange ich mich fit fühle trainiere ich weiter.
Link-Liste:
Sport auf augsburg.de: http://www.augsburg.de/index.php?id=5
Tina Schüßlers offizielle Homepage: http://www.tina-schuessler.de/
Tina Schüßler bei wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Tina_Schüßler
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